Ari Byland

Professional Scrum Trainer

Scrum
08.15 – 08.45 Loft 2

Scrum Master - Schluss mit cool 🇩🇪 / 🇬🇧

Agilität, Business Agility und „Agile Mindset“ werden mittlerweile in vielen Unternehmen propagiert. „Agil sein“ gehört zum guten Ton – gerade auch im Management.

Doch auch 17 Jahre nach dem Agile Manifesto hinterlässt falsch verstandene Agilität verbrannte Erde. Fast 25 Jahre nach der ersten öffentlichen Vorstellung von Scrum sind in vielen Unternehmen die Kernelemente von Scrum unbekannt.
In dieser Situation sind Scrum Master gefragt, die unter ihrer Rolle mehr verstehen als „einfacher“ Team Coach, geschweige denn Team AdministratorIn oder ModeratorIn.

Es braucht Scrum Master, die bereit sind, unbequeme Diskussionen im Unternehmen zu führen und sich Tag für Tag fern von Dogmatismus für professionell gelebtes Scrum einzusetzen.
Eine Einladung für ManagerInnen, Agile Coaches und Scrum Master zu mehr Fokus, Committment und Mut in ihrer täglichen Arbeit.

Short Bio

Ari Byland ist passionierter Professional Scrum Trainer bei Scrum.org. Aus seinen aktuellen und früheren Tätigkeiten als Product Manager, Agile Coach, Entwicklungsleiter und Softwareentwickler kennt er nicht nur die Schwierigkeiten von Entwicklungsteams und Scrum Master, sondern auch jene des Product Owners aus eigener Erfahrung. Ari Byland ist Professional Scrum Trainer und SAFe Program Consultant und verfügt über einen Master in Digital Business der Hochschule für Wirtschaft in Zürich.

Interview mit Ari

Agil sein gehört zum guten Ton. Was heisst denn eigentlich «agil sein»?
Die Definition, die wir als Scrum Trainer von Scrum.org verwenden, ist:

  1. Die Fähigkeit zu haben, mit kontrolliertem Risiko auf Veränderung zu reagieren.
  2. Die Flexibilität, Kapazität und Fähigkeit zu haben, sich schnell und effizient anzupassen.
  3. Die Fähigkeit zu Innovation.

Es geht also darum, dass ein Unternehmen Strukturen etabliert, die ihm ermöglichen, Veränderung zum Vorteil nutzen zu können. Letztendlich jedoch nicht nur reaktiv, sondern zu antizipieren und die Veränderung proaktiv zu nutzen, um Führung zu übernehmen. Das hat für ein Unternehmen sehr viel mit Lernen zu tun. Ein Unternehmen muss sehr schnell erkennen, was funktioniert, was nicht und wo versteckte Opportunitäten bestehen. Diese Erkenntnisse müssen dann aber auch in konkrete Ergebnisse umgesetzt werden.

Braucht es hierzu zwingend Scrum?
Eines der Kernelemente von Scrum ist der Sprint. In einer regelmässigen Kadenz von weniger als einem Monat wird ein Produktinkrement erstellt. Diese kurze Kadenz und ein „Done“ Product Increment schafft grosse Transparenz und lässt ein Unternhemen sehr rasch lernen. Insofern bietet sich Scrum an, um ein Unternehmen agiler zu machen.

Mit klassischen, sehr lang laufenden Projekten fehlt dieser «closed learning loop». Ein Unternehmen geht zum Beispiel eine sehr grosse Wette ein, dass ein gewisses Produkt im Markt erfolgreich sein wird. Diese Hypothese wird erst zum Schluss, nach der gesamten Produktentwicklung, d.h. bei Markteinführung validiert. Dadurch besteht für ein Unternehmen ein sehr grosses Investitionsrisiko, nämlich dann, wenn die Ursprungshypothese falsch war. Dieses Risiko wird sehr häufig unterschätzt und ausgeblendet. Man kenn ja den Markt, die Kunden und das Unternehmen und hat nur gute Ideen.

Mit professionellem Scrum wird sehr hohe Transparenz geschaffen. In einer Produktentwicklung, in die ich involviert war, bestand grosses Misstrauen seitens der Kunden. Es war viel versprochen worden und die Produktentwicklung konnte mit diesen Versprechungen, vor allem in einem fix definierten Zeitraum, nicht Schritt halten. In dieser Situation nutzten wir Scrum und stellten den Kunden regelmässig ein „Done“ Produktinkrement zur Verfügung. Hiermit schafften wir Transparenz über den aktuellen Stand und den Fortschritt. Dies wiederum schaffte Vertrauen in unser Produkt und führte zu positiven Marktreaktionen.

Ob es zwingend Scrum braucht, um «agil zu sein» kann ich nicht beantworten, dazu sind die Unternehmen und Produkte zu vielfältig. Jedoch habe ich in jedem Unternehmen, das Scrum einsetzte positive Effekte beobachten können.

Welcher ist in Deiner Erfahrung der häufigste Fehler, den Unternehmen machen, wenn sie Scrum einführen?
Eindeutig, dass ein Unternehmen nicht Scrum einführt, sondern ein «Scrum-But». Das bedeutet, dass Scrum nicht gemäss Scrum Guide angewendet wird, weil beispielsweise «reines Scrum bei uns nicht funktioniert».

Scrum besteht aus elf Elementen. Jedes davon ist essentiell und notwendig, damit Scrum funktioniert. Wird auch nur eines davon weggelassen ist Scrum nicht mehr Scrum.  Ein Unternehmen macht dann zwar vielleicht Schritte in Richtung Agilität, mit möglicherweise gewissen positiven Effekten in Bezug auf Mitarbeitermotivation und Produktivität. Es wird aber nie das Potenzial von Scrum und Agilität im Allgemeinen ausschöpfen können.

Oft ist es für ein Unternehmen beispielsweise sehr herausfordernd, spätestens am Ende eines Sprints ein «Done» Product Increment zu kreieren. Wenn nicht dezidiert, fokussiert und mit Nachdruck daran gearbeitet wird, dieses Ziel zu erreichen, fehlt der beschriebene «Closed Learning Loop» mit allen negativen Effekten. Viele Unternehmen verzichten auf diesen Effort, in der Annahme das sei nicht so wichtig und den Aufwand nicht wert. Das ist ein Trugschluss.

Um diesen Fehler zu vermeiden, ist die Rolle des Scrum Masters zentral. Der Scrum Master ist dazu da, darauf zu achten, dass die Regeln von Scrum eingehalten werden und Scrum und Agilität im Unternehmen zu etablieren. Wenn ein Scrum Master einzig als Teamadministrator oder Workshopmoderator betrachtet wird, oder sich selbst als solchen sieht, fehlt die Person, die Scrum vertritt.

Deshalb auch der Titel zu meinem Talk: Scrum Master – Schluss mit cool. Es soll eine Einladung an Scrum Master, Management und Coaches sein:

  • Für Scrum Master, sich ernsthaft mit ihrer Rolle, die oft sehr unbequem ist, auseinanderzusetzen.
  • Für Management, den Scrum Mastern im Unternehmen den entsprechenden Stellenwert zu geben.
  • Für Coaches und Consultants, Scrum nicht einfach als „Tool“ zu sehen, das beliebig auf einen Unternehmenskontext angepasst werden kann.

Was fasziniert dich persönlich an Scrum?
Scrum hat sehr positive Effekte auf den Business Value, den ein Unternehmen schafft, d.h. einen hohen ökonomischen Nutzen. Das finde ich sehr positiv und zu begrüssen.

Was mich aber wirklich fasziniert, ist die Veränderung, die mit Scrum in der Zusammenarbeit in einem Team passiert. Ich bin überzeugt, dass die klassischen Projektansätze, insbesondere mit fixem Scope, Zeit und Budget Mitarbeitende Zwängen aussetzen, die weder produktiv für das Unternehmen, noch «menschlich» sind.

Insofern ist Scrum für mich ein Weg «to humanize the workplace». Das ist, was mich an Scrum fasziniert und mich als Professional Scrum Trainer antreibt.

Ist Scrum auch etwas, was man im Privatleben anwenden kann? Ist dies bei dir der Fall?
In einigen Wochen steht bei mir privat ein Umzug an. Diesen organisieren wir mit Scrum und Kanban. Anfangs bestanden gewisse Widerstände gegen all die Post-it‘s. Unterdessen werden sie sehr geschätzt 😄.

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