Interview mit Rainer Grau, Head Business Development @ Digitec Galaxus AG

Rainer Grau

 

Herr Grau, was glauben Sie, ist der Grund warum Unternehmen für die Skalierung von Agilität einfach ’nur‘ auf die verschiedenen Frameworks zugreifen und diese ohne Anpassungen implementieren möchten?

 

Dieses Phänomen existiert nicht alleine im Thema Skalierung von Agilität. Das Phänomen existiert bei sämtlichen Formen von Change Projekten in Unternehmen. Dem Management von Firmen ist vielfach nicht bewusst, dass die Konstellation von Menschen, Prozessen und Methoden in jedem Unternehmen einzigartig ist. Eine Veränderung ist somit immer spezifisch für das Unternehmen. Es ist natürlich viel billiger ein bestehendes Rezept für eine Veränderung einfach 1:1 zu übertragen, als über inspect & adapt den Change so zu gestalten, dass er optimal für das Unternehmen ist. Das tragische aus agiler Sicht ist, dass bei 1:1 Verwendung eines agilen Framework schon von Beginn an gegen einen agilen Grundwert, nämlich das inspect & adapt, verstossen wird.

 

Gibt es denn ein ‚Fits-most-of-it’ Framework oder ist eine ‚bunte Mischung’ der Weg zum Erfolg?

 

Ja, es gibt für jedes Unternehmen ein Fits-most-of-it Framework. Je nach Kultur, Reifegrad, Domäne, gelebte Prozesslandschaft und weiteren Faktoren kann ein Unternehmen mit einem unterschiedlichen Framework starten, um Agilität zu skalieren. Allerdings ist diese Wahl, ob nun SAFe, LeSS, DAD, Nexus, Spotify Model oder irgend ein anderes, weniger entscheidend für den Erfolg, als die Vorgehensweise das Framework im Unternehmen zu etablieren. Die meiner Meinung nach richtige Art ist es auch hier agil vorzugehen, also in einer ersten Iteration ein paar wenige Instrumente einzuführen und zu etablieren. Dann Review und Retro durchführen und in der nächsten Iteration die nächsten Instrumente, Methoden oder Techniken einführen. Dabei ist auf Ausbildung der Mitarbeiter und begleitendes Coaching zu achten. Zudem können Instrumente verschiedener Frameworks kombiniert werden. Bei Digitec Galaxus haben wir mit drei bis vier Instrumenten aus SAFe begonnen, dann LeSS Elemente hinzugefügt und nach und nach uns zu dem jetzigen Stand vorgearbeitet. Insgesamt haben wir vielleicht ein Viertel bis die Hälfte der Anzahl an möglichen Instrumente aus den Frameworks eingesetzt. Weniger ist mehr, Selbstbeschränkung eine Tugend und die beständige Optimierung ein Bestreben.

 

Welches sind die grössten Herausforderungen für ein Unternehmen, das die Transformation nach einem Scaling Agility Ansatz angehen möchte?

 

Die grösste Herausforderung besteht in der Verschiebung von Management Aufgaben an Teams und damit die oft entstehende Frage, ob es dann noch ein Management benötigt. Das bedeutet massive Unsicherheit für das mittlere Management, vor allem in Unternehmen, die einem Kosten- und Marktdruck ausgesetzt sind. Welcher Manager will schon in der Situation sein, sich fragen zu müssen, ob es seinen Job Morgen noch gibt. Leider ist weder dem Top Management noch dem mittleren Management bewusst, was für ein Befreiungsschlag das sein kann – wenn die Verschiebung geeignet durchgeführt wird. Anstatt sich mit langweiligem Mikromanagement und Controlling aufzureiben, hat das mittlere Management nämlich plötzlich Zeit sich spannenden Aufgaben zu widmen wie sich der Kundenerlebniskette anzunehmen oder motivierende Visionen für Teams zu erschaffen und zu vermitteln oder Mitarbeiter zu fördern. Hier liegt die zweitgrösste Herausforderung. Das mittlere Management hat die Aufgabe motivierte und selbstorganisierte Teams aufzubauen, die unter allen transparenten Rahmenbedingungen eine Organisation darstellen. Das klassische mittlere Management hat diese Fähigkeit nicht. Hier ist externe Hilfe durch Coaching und Begleitung viel wertvoller als eine Scrum Master Schulung. Die dritte Herausforderung ist es Mikromanagement und Controlling dem Team zu übergeben. Es ist dem Team zu helfen, diese Aufgaben zu erledigen. Oft liegt die Lösung in einer Form der Automatisierung, Toolsets wie von Atlassian oder Version One ermöglichen ein vollautomatisiertes Tracking und Controlling zu etablieren. Goodby Mikromanagement. Sie sehen, die Herausforderungen sind vielschichtig. Ein klassischer mittlerer Manager kämpft mit dem Umstand der Unsicherheit der eigenen Existenz und fehlender Unterstützung im Aufbau von Kompetenzen und Fähigkeiten, die neu vom ihm gefordert werden.

 
Mehr zu diesem Thema erfahren Sie im Vortrag von Rainer Grau „Agile-Skalierungs-Patterns: der Digitec Galaxus Mix aus SAFe, LeSS und Nexus“ am Agile Leadership Day 2017

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